Julian

Ich habe Julian (26) auf dem bereits geschilderten Camp kennen gelernt, als einen sehr sensiblen Mann a la "harte Schale, weicher Kern", der gerne lacht, gerne redet, sich sehr fuer die Jugendlichen und christliche Jugendarbeit hier einsetzt und ein bewusster Kirchgaenger (von sich aus!) ist. Je mehr ich ueber ihn erfahren habe, desto mehr habe ich mich gewundert und mich gefragt, ob das der gleiche Julian ist/ war, der jetzt neben mir sitzt...

Julian kommt urspruenglich aus Graaff-Reinet (GR) in Eastern Cape; sein eigentlicher Name ist Yusuf und er ist als Moslem aufgewachsen. Seinem Vater gehoerte ein grosses Hotel und wirkliche Geldsorgen hatten sie nicht. Irgendwie ist Julian in die Drogenszene gekommen - aber auf die Seite der Dealer, nicht die der Konsumenten (hat nie konsumiert). Da faengt man (wie ueberall) klein an: Erst liefert man die Drogen an die Kunden aus (was der gefaehrlichste Job ist, weswegen das die "Neuen" machen); dann steigt man auf zum Geldeintreiber "ersten Grades" (wenn Kunden nicht zahlen wollen werden sie freundlich darum gebeten); schliesslich wird man Geldeintreiber "zweiten Grades" (wenn die Kunden immer noch nicht gezahlt haben, wird ihnen eine deutliche Warnung gegeben im Sinne von z.B. Finger/ Arme/ Nase/ Beine brechen). Julian war hauptsaechlich als Geldeintreiber “zweiten Grades” taetig und hatte irgendwann um die 142 Faelle von Koerperverletzung vor Gericht gegen sich. Wie oft und wie lange er dafuer ins Gefaengnis ging, weiss ich nicht.

Irgendwann traf er einen Jungen (heute kurz vor seinem 18. Geburtstag), mit dem er selbst ein Business aufgemacht hat. Die Drogen bekamen sie aus Johannesburg – dort sind sie am guenstigsten – abgeholt haben sie sie immer auf halbem Wege. Sie hatten dann ihr eigenes Territorium, in das kein anderer Dealer rein durfte. Taeglich haben sie ca. einen Umsatz von R 50.000 gemacht, das entspricht ca. 5.000 Euro (und ist nicht wenig...). Zur Kontotarnung (wo das viele Geld herkommt) hat Julian “nebenher” einen Nachtclub/ eine Disco aufgemacht. Die Aufgabe des Buchfuehrers war immer, die Zahlen so aussehen zu lassen, dass keiner Verdacht geschoepft hat.

Eines Tages kam es zu einem Zwischenfall, wo ihnen der Kunde ploetzlich eine Pistole vor den Kopf gehalten hat. Um sich zu verteidigen, hat auch Julian seine Knarre gezogen. Beide wollten schiessen, Julian war schneller, heute lebt das Opfer mit einer Kugel im Bauch. Julian hat zu mir gesagt, daraus haette er gelernt, dass wenn man auf jemanden schiesst, dann muss man sicher sein, dass er auch stirbt. Denn das Opfer hat natuerlich Anklage erhoben und ist “lebender Beweis”. Dafuer hat Julian sieben Jahre auf Bewaehrung draussen bekommen, das war vor neun Monaten. Das war der Grund, warum er nach Hermanus kam. Hier hat er jetzt einen anstaendigen Job (ist Klempner), wohnt bei seinen Eltern und fuerht ein ganz normales Leben. Nur muss er sich einmal monatlich bei der Polizei melden.

Julians Partner hat wohl mit Julians Pistole jemanden erschossen, weswegen er dieser Tage vor Gericht muss. Man weiss, wer geschossen hat, aber die Waffe “fehlt”. Der Prozess wurde auf den Tag gelegt, an dem er 18 wird... Er hat Julian gebeten, nach GR zu kommen und ihm zu helfen. Doch jetzt ist die Sache brenzlig, es gibt drei Moeglichkeiten: 1. Julian bezahlt R 50.000 Kaution und das war's (aber das heisst nicht, dass sein Partner fuer immer schweigen wird, er wuerde wahrscheinlich alle paar Jahre Geld wollen, damit er weiter schweigt). 2. Sein Partner wandert fuer etliche Jahre ins Gefaengnis und verraet nicht, wessen Waffe es war oder wo sie ist (das kostet Julian ca. R 5.000). 3. Er nimmt das Angebot des Gerichts wahr und muss nur halb so lange absitzen (natuerlich sehr attraktiv) und dafuer redet er – das wuerde bedeuten, dass Julian die bereits “bestehenden” sieben Jahre plus ca. vier oder fuenf ins Gefaengnis muesste.

Am Donnerstag Abend ist Julian losgefahren. Er ist sehr nervoes, konnte die letzten Wochen keine Sekunde still sitzen. Er bittet jeden, fuer ihn zu beten. Er geht jede Nacht an den Strand und schickt Stossgebete zum Himmel, bittet Gott um eine Antwort. Er weiss, dass er sich in den letzten neun Monaten zu 100% veraendert hat. Er weiss auch, dass er sich seiner Vergangenheit stellen muss, sein Business aufgeben muss (lief noch weiter, als er hier war) und den Club verkaufen muss, um aus dieser Sache heraus zu kommen. Aber er weiss auch, dass es leicht passieren kann, dass er in sein altes Leben zurueck faellt. Geld hat da grosse Macht, und praktisch gesehen ist das Leben fuer ihn da sehr lukrativ. Er will sich eigentlich dagegen wehren, aber neun Monate sind keine allzu lange Zeit, die “Neuerungen” in seinem Leben sind noch nicht richtig tief drin. Keiner weiss, ob er wieder kommt – keiner weiss, was in GR passieren wird – keiner weiss, wie er sich entscheiden wird...

Klar hat er Angst, wer haette das nicht. Trotzdem finde ich seine grundlegende Entscheidung, sein Leben so umzukrempeln, wie er es getan hat, echt bewundernswert und mutig. Julian hat einen zweijaehrigen Sohn in GR, und fuer den wuerde er alles tun, ihn moechte er nie darin involvieren. Jetzt zurueck nach GR zu fahren und alles "in Ordnung" zu bringen, fuer immer zu beenden, ist sicherlich eine der groessten Herausforderungen, die er jemals hatte und haben wird. Ich weiss nicht, ob ich ihn nochmal wiedersehen werde (wer weiss), aber ich hoffe, dass er die richtige Entscheidung fuer sich und seinen Sohn trifft, mit der er leben kann...

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